Betrachtungen
Der Auswanderungsdrang nach Deutschland hat eigentlich gleich nach dem 2. Weltkrieg
eingesetzt. Da sind die Männer, die 1943 in deutsche Militäreinheiten aufgenommen wurden,
und das Ende des Krieges auf deutscher Seite erlebten, nicht mehr nach Rumänien
zurückgekehrt, weil es keine legale Möglichkeit dazu gab. Auch von den
Russlanddeportierten wählten viele den Weg nach Deutschland und nicht in die alte Heimat.
So wurden die ersten Familien zerrissen.
Im Nachkriegsrumänien hatte die ganze Bevölkerung des Landes unter dem Kommunismus
zu leiden aber die Deutschen, also auch die Urweger Sachsen, wurden härter getroffen als
andere: durch Russlanddeportation, Enteignung, politische Verfolgung etc.
Anfang der 60 er Jahre war die wirtschaftliche Situation in der BRD im Vergleich zu der in
Rumänien besser, so dass immer mehr Deutsche den Wunsch nach Ausreise hegten.
Da man aber damals über die rumänischen Medien nichts Positives über das westliche
Ausland erfuhr, war man auf die Berichte von Verwandten und Bekannten angewiesen, wenn
sie aus Deutschland zu Besuch kamen.
Ich weiß noch wie heute, wie wir Kinder uns freuten, wenn wir ein Päckchen Kaugummi oder
eine Schokolade aus Deutschland bekamen. Wie verändert sahen die Menschen aus, wenn sie
nach ca. einem Jahr zurück nach Urwegen kamen. (vorher durften sie nicht). Sie sahen
gepflegter aus, irgendwie jünger, und lach nicht- sie rochen auch anders. Sie kamen mit dem
eigenen PKW, nahmen unendliche Strapazen auf sich, sprich: langen Weg bis an die
rumänische Grenze, ewige Wartezeiten an der Grenze, die Schikanen der korrupten Zöllner
und Grenzpolizisten und die schlechten Straßen in Rumänien. Als ich das erste Mal auf
Besuch war, im August 1986, habe ich 12 Stunden in Ndlac an der Grenze in der sengenden
Hitze verbracht. Es war weit und breit kein Baum da um sich in den Schatten zu setzen. Autos
mit Klimaanlage gab es damals noch nicht. Dementsprechend sah dann auch die Ware wie
Schokolade, Rama, Süßigkeiten aus, wenn man sie am Ziel auspackte. Viele Wartende in der
Schlange haben sich geschworen:" Nie wieder in das Land!" Ich bin mir sicher, sie sind, so
wie ich, noch öfters ,,in das Land" gefahren. Denn damals waren ja die meisten Verwandten
und Freunde noch ,,Unten". Eine weitere Schikane der Kommunisten war, dass die Besucher
aus der BRD nur im Hotel oder bei Verwandten ersten Grades übernachten durften. Bei uns in
Urwegen wurde das auf der Miliz mit einer Tüte Mitbringsel geregelt. Als Besucher aus der
BRD wurde man von den Gastgebern verehrt und ständig war man irgendwo eingeladen.
Schweren Herzens verabschiedete man sich vor der Rückfahrt von den Daheimgebliebenen
mit den Worten: "Hoffentlich sehen wir uns bald in Deutschland wieder".
In den 70 er Jahren gab es ja noch ziemlich alles zu kaufen, aber Anfang der 80 er Jahre
verschlechterte sich der Versorgungszustand mit alltäglichen Gebrauchswaren zusehends.
So war es auch nicht verwunderlich, dass die meisten Sachsen aus Urwegen auf ihre
Ausreisegenehmigung warteten. Wer einen Ausreiseantrag stellte und eine leitende Funktion
innehatte, wurde aus dieser entfernt, auch wenn bis zur Bewilligung seines Antrags noch
Jahre vergehen sollten. Wer legal auswanderte, durfte sein Haus nicht verkaufen, sondern
musste es dem Staat überlassen. Die dafür erhaltene Geldsumme entsprach nur einem
Bruchteil des realen Wertes des Hauses. Aber das hat man in Kauf genommen, Hauptsache
schnell weg!
Angesichts dieser Tatsachen ist es nicht verwunderlich, dass nach Grenzöffnung ab Januar
1990 die meisten Rumäniendeutschen das Land fluchtartig verlassen haben. Auch Urwegen
wurde von der Ausreisewelle nicht verschont, bis auf einige Familien haben alle Sachsen das
Dorf verlassen.
Viele werden sich auch die Frage gestellt haben, wie Urwegen wohl heute ausgesehen hätte,
wenn der so genannte Umsturz um 10 15 Jahre früher gekommen wäre? Wenn nicht alle
Sachsen für immer weggezogen wären, sondern nur in Urlaub oder zum arbeiten ins Ausland?
Der Lebensstandard der Urweger wäre bestimmt höher gewesen, ihr Fleiß und die Tüchtigkeit
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