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Betrachtungen

der wäre noch mehr zum Ausdruck gekommen. Auch die rumänischen Mitbewohner hätten
davon profitiert, so wie heute auch.
Die sächsischen Familien, die heute noch in Urwegen leben, sind leider in der Minderheit. Ob
aus den so genannten ,, Sommersachsen" einmal ,,Ganzjahressachsen" werden, ist ungewiss.
Jedenfalls geht der Trend dahin, sich in Urwegen ein Ferienhaus anzuschaffen, und wenn man
schon eins hat, sei es das Elternhaus oder ein anderes, dieses auf westlichen Standard zu
bringen. Böse Zungen behaupten, nur diejenigen, die sich in Deutschland nicht eingelebt
haben und kein Haus oder Eigentumswohnung besitzen, würden jeden Sommer nach
Urwegen fahren. Dem ist aber nicht so. Manch einer hat ein Ferienhaus in Griechenland,
Italien, auf Mallorca oder sonst wo. Warum sollte man nicht auch in Urwegen eins haben?
Hier kennt man die Sprache, die Leute und ihre Mentalität, man trifft alte Bekannte wieder.
Natürlich gibt es auf dieser Welt auch andere, schönere Reiseziele, die man ja heutzutage
schnell und günstig besuchen kann. Trotzdem zieht es den einen oder anderen, und es werden
immer mehr, in die alte Heimat zurück. Was ist es aber, was einen immer wieder dahin zieht?
Ist es das Heimweh, die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten? Oder ist es die Freude über das
Wiedersehen mit alten Bekannten, Nachbarn, Freunden und Verwandten?
Wie es in Zukunft für unser Volk in Urwegen aussehen wird, ist noch ungewiss. Aber in
Zeiten der Globalisierung ist alles möglich. Auch wenn die Infrastruktur und medizinische
Versorgung noch nicht auf europäischem Standard ist, so merkt man doch, es tut sich was in
dem neuen EU-Mitgliedsland. Man werfe nur einen Blick nach Hermannstadt, wo eine wahre
Aufbruchstimmung herrscht.
Als ich letzten Sommer durch Siebenbürgen über Hermannstadt, Mediasch nach Schäßburg
gefahren bin, habe ich manche ehemals sächsische Dörfer gesehen, die in einem traurigen
Zustand waren. Verlassene Kirchen, eingestürzte Häuser, zerlumpte Zigeunerkinder auf der
Straße waren keine Seltenheit. Wenn man aber von Reußmarkt her nach Urwegen fährt, sieht
man schon von weitem die Ruine der alten Dorfkirche umringt von einer weißen
Friedhofsmauer. Der hohe Glockenturm inmitten der Burganlage begrüßt die Besucher schon
von weitem. Viele gepflegte und renovierte Häuser sieht man in Urwegen, jedem Besucher
wird gleich bewusst, dass hier tüchtige, rechtschaffene Menschen gelebt haben und noch hier
leben. Natürlich gibt es auch in Urwegen noch viel zu tun, aber im Vergleich zu anderen
Dörfern in Siebenbürgen steht Urwegen gut da. Darum sollten wir stolz sein, in so einer
stattlichen Gemeinde gelebt zu haben, und sie sooft wie es geht besuchen. Denn Urwegen ist
immer eine Reise wert und ein Stückchen Heimat trägt wohl jeder in seinem Herzen.
Im heutigen Rumänien herrscht akuter Fachkräftemangel, gleichzeitig arbeiten über eine
Million rumänischer Staatsbürger im EU-Ausland in der Landwirtschaft, Gastronomie und
Baugewerbe. Von unseren ausgewanderten Landsleuten sind es recht wenige, die in
Siebenbürgen einen Neuanfang gewagt haben. Die postkommunistischen Regierungen der 90
er Jahre haben es versäumt ideale Bedingungen zu schaffen, um ausländische Investoren ins
Land zu bringen. Erst in den letzten Jahren ist auf diesem Gebiet etwas getan worden. Ebenso
hapert es noch mit der Häuserrückgabe der vor dem Umsturz ausgewanderten Landsleute.
Die meisten Siebenbürger Sachsen, also auch die Urweger, haben sich hier in Deutschland
voll integriert, einen Arbeitsplatz gefunden, haben Häuser gebaut oder eine
Eigentumswohnung gekauft. Sie haben einen neuen Freundeskreis, Familien gegründet, deren
Kinder hier geboren sind und kaum sächsisch, geschweige denn rumänisch sprechen.
Angesichts dieser Tatsachen ist es momentan schwer vorstellbar, dass sich jemand aus der
Generation der heute 25-50 jährigen auf den Weg macht, um in Siebenbürgen einen
Neuanfang zu wagen. Sie wären wohl das Bindeglied zwischen neuer und alter Heimat.
Auch wenn es so wäre, die Gemeinschaft, die es früher vor allem auf dem Dorf gab, wird es
in dem Sinne nicht mehr geben. Man kann das Rad der Geschichte nicht einfach
zurückdrehen.
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